1 - Die Luftangriffe auf Stuttgart

Flucht in den Keller

1944 findet der schlimmste Luftangriff auf Stuttgart seit Beginn des Zweiten Weltkriegs statt. Im Westen, dem am stärksten betroffenen Stadtteil, beschließt eine Familie zu bleiben und besiegelt damit ihr Schicksal.

Es ist 1.20 Uhr, die Stadt schläft, als der Fliegeralarm sich erhebt und durch den dunklen Talkessel heult. Kurze Zeit später setzt das dröhnende Wummern der Flugabwehrkanonen (Flak) ein. Es ist die Nacht auf den 25. Juli 1944 und Stuttgart liegt ganz im Dunkeln. Keine Straßenlaterne, kein erleuchtetes Fenster soll den nächtlichen Angreifern die genaue Lage des Zentrums verraten.

Die Bäckersfrau Anna Wagner erlebt den Großangriff im Stuttgarter Westen.

Foto: Wilfried Harthan

Anna Wagner, die mit ihrem Mann Wilhelm Wagner im Stuttgarter Westen nahe der Russischen Kirche eine Bäckerei betreibt, flüchtet sich in den Keller ihres Wohnhauses. Über Drahtfunk erfahren die dort Ausharrenden, dass ihre größten Befürchtungen wahr geworden sind. Stuttgart steht die schlimmste Serie von Luftangriffen seit Beginn des Krieges bevor.

Anna Wagner schildert die Gefühlslage im Keller unter der Bäckerei in einem Brief an ihre Verwandten: »Herr Gott im Himmel, ein Großangriff auf unsere Stadt. Alle sehen einander an, kein Ton kommt über die Lippen, die Männer setzen die Stahlhelme auf, Gasmasken, Tücher, Kerzen, Streichhölzer in der Hand stehen wir da. Die Flak schießt, was die Rohre hergeben. Wir liegen alle auf der Erde, Herr Gott, erbarme dich, mach es gnädig und kurz. Dein Wille geschehe. Nun Krach auf Krach, die Erde zittert, Schlag auf Schlag. Dazwischen der Krach der zusammenstürzenden Häuser, man meint immer, es sei das eigene. An der Kellertüre rüttelt der Sturm, man meint, sie kommt herein.«

Was niemand in der Bäckerei in der Traubenstraße 1 ahnt: Es soll erst der Auftakt einer tagelangen Angriffsserie sein, die das alte Stuttgart unwiderruflich zerstören und viele Stuttgarter das Leben kosten wird. Weitere Großangriffe sollen in den nächsten Monaten folgen. Und am Ende wird es in der Traubenstraße im Stuttgarter Westen keine Bäckerei mehr geben.

2 - Die getarnte Stadt

Künstliche Nebel im Talkessel

1938 hatten die Stuttgarter Adolf Hitler noch einen rauschenden Empfang bereitet - und wollten an die Gefahr eines Luftangriffs lange Zeit nicht glauben.

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges fühlen sich die meisten Stuttgarter sicher: Richtung Frankreich liegt schützend der Westwall und die Luftverteidigungszone West, von der laut dem Stadtchronisten und Historiker Heinz Bardua damals viele Stuttgarter denken, dass kein gegnerisches Flugzeug sie durchqueren könne, ohne irgendwelchen geheimen Waffen zum Opfer zu fallen. Der Glaube an die eigene Unverwundbarkeit wird von der NS-Spitze gezielt geschürt. Der Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Hermann Göring, soll zu Beginn des Krieges gesagt haben: Er wolle »Meyer« heißen, wenn jemals ein feindliches Flugzeug die deutschen Reichsgrenzen überfliegen würde.

Hitler in Stuttgart.

Ebenso groß wie der Glaube an die eigene Stärke ist in Stuttgart die Begeisterung für »den Führer« Adolf Hitler. Dieser stattet der Stadt am 1. April 1938 einen großen Besuch ab. Mit einem Sonderzug fährt er in den Hauptbahnhof ein und wird bei seiner Fahrt durch die Königstraße begeistert empfangen.

Die Stuttgarter bereiten sich auf den Luftkrieg vor.

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Das Ausmaß der Bedrohung durch den Luftkrieg wird vielen Stuttgartern erst mit dem ersten Bombenabwurf britischer Flugzeuge auf die Stadt am 25. August 1940 klar. Aufgrund seiner Kriegsindustrie ist Stuttgart besonders gefährdet. Gleich mehrere kriegswichtige Industriezweige sind in der Stadt angesiedelt. Daher werden umfassende Verteidigungsmaßnahmen getroffen: Die Stadt wird von einem Ring schwerer Flakstellungen umgeben und auf dem Birkenkopf wird eine große Flakfestung gebaut. In der Stadt selbst werden auf den Werksdächern von Daimler-Benz und Robert Bosch sowie dem Hauptbahnhof eigens Flaktürme errichtet.

In die umliegenden Hügel graben die Stuttgarter eigenhändig - nach Feierabend und teils in Eigenregie - ungefähr 200 Stollen, die Tausenden das Leben retten sollen. Zusätzlich werden der Wagenburgtunnel und der Schwabtunnel zu Bunkern ausgebaut.

Ein Film aus dieser Zeit zeigt, wie Bewohner der Markelstraße im Stuttgarter Westen an einem solchen Stollen arbeiten. Er zeigt auch die überraschende Unbeschwertheit vieler Stuttgarter zu dieser Zeit - lachend und scherzend sieht man die Bewohner der Markelstraße die Einweihung ihres Stollens feiern.

Bürger im Stuttgarter Westen beim Stollenbau.

Darüber hinaus lässt sich die Stadtführung einiges einfallen, um Stuttgart zu schützen: Der Stadtbaudirektor Richard Scheurle entwickelte laut Bardua ein Verfahren, künstliche Nebel im Talkessel zu erzeugen und die Stadt so vor den Blicken der gegnerischen Flieger zu verbergen. Viele Zeitzeugen erinnern sich noch an die Apparate, die zu diesem Zweck aufgestellt wurden. Harald Schukraft berichtet, dass die helle Fläche des Innenhofs des neuen Schlosses dunkel gefärbt und das schneeweiße Schloss Solitude mit einem grünen Tarnnetz überspannt wurde. Selbst die spiegelnde Fläche des Theatersees im Oberen Schlossgarten wurde abgedeckt.

Während die Stuttgarter ihre Stadt also noch auf einen Großangriff vorbereiten, tobt der Luftkrieg bereits über vielen ausländischen Städten. Der Bäckermeister Wilhelm Wagner aus dem Stuttgarter Westen sieht dies mit Unbehagen. So erinnert sich sein Sohn noch viele Jahre später an einen Kinobesuch mit seinem Vater. Gezeigt wird ein Wochenschaubericht über die Bombardierung einer europäischen Stadt durch die deutsche Luftwaffe, die im üblichen nationalsozialistischen Propagandaton gefeiert wurde. Wilhelm Wagner kommentiert den Bericht mit einem Satz, der sich seinem Sohn für immer einprägt: »Oh, wemmer des net amol biasa misset.«

3 - Die Juli-Angriffe

Im Visier der Bomber

Der erste große Luftangriff zerstört das alte Stuttgart für immer. Auch nach der Angriffsserie beschließt die Familie Wagner, die Stadt nicht zu verlassen - trotz einer bösen Vorahnung Anna Wagners.

Dass Stuttgart verschont bleibt, ist unwahrscheinlich: Aus kriegswirtschaftlicher Sicht ist es das zweitlohnendste Angriffsziel in Deutschland, besagt eine Liste der Briten. Gleichzeitig ist die Stadt aber ungünstig gelegen, gilt als schwer angreifbar. Vielleicht liegt es daran, dass Stuttgart trotz mehrerer Attacken ein fataler Großangriff wie etwa der auf Hamburg erspart bleibt - bis zur Nacht auf den 25. Juli 1944.

Den Anstoß für den Großangriff soll laut dem britischen Historiker David J. Irving der Beschuss Londons durch deutsche Marschflugkörper im Juni 1944 gegeben haben. Als Vergeltung soll eine Reihe vernichtender Angriffe gegen eine deutsche Stadt geflogen werden, in der Einzelteile des Marschflugkörpers hergestellt wurden. Die Wahl fällt auf Stuttgart.

In den späten Abendstunden des 24. Juli starten 614 Bomber in England. Gegen 1 Uhr lautet die Luftlagemeldung: »Achtung, Achtung! Störflugzeuge über Hannover und Braunschweig. Stärkere Kampfverbände über Westdeutschland und Südwestdeutschland.« Durch mehrfache scharfe Kurswechsel des Bomberstroms gelingt es den Briten, das eigentliche Ziel ihres Angriffs bis kurz nach Mannheim zu verschleiern.

Um 1 Uhr 20 erhebt sich der Alarm schließlich über dem nächtlichen Stuttgart. Die ersten Bombenabwürfe erfolgen laut Zeitzeugenberichten so schnell, dass viele Menschen es nicht mehr rechtzeitig in die Bunker und Stollen schaffen.

Die zwölfjährige Christa Benz liegt zu diesem Zeitpunkt frisch operiert im Katharinenhospital in Stuttgart. Wie viele Schulkinder war sie aufs Land evakuiert worden, aufgrund einer akuten Blinddarmentzündung aber zurück in die Stadt gebracht worden. Die heute 82-Jährige erinnert sich noch gut daran, wie sie und andere Patienten schon abends in den Bunker der Klinik gebracht wurden. Während der Angriffe wird das Gebäude schwer von Bomben getroffen. Das junge Mädchen und viele andere teils schwerkranke und frisch-operierte Patienten werden dabei verschüttet.

Christa Fischer geb. Benz erinnert sich noch gut an den Bombenangriff, bei dem sie im Katharinenhospital verschüttet wurde.

Bei dem Angriff wird vor allem das Stadtzentrum rund um die Girokasse, Dresdner Bank und den Friedrichsbau getroffen. Aber auch im Westen Richtung Hasenberg und Botnanger Sattel haben die Bomben zahlreiche Brände entfacht.

Die Bäckersfamilie Wagner hat Glück - vorerst. In einem Brief an ihre Familie schildert Anna Wagner den Anblick, der sich ihr nach Ende des Angriffs bot. »Der ganze Tiergartenweg ist kaputt. Die Kirche hat ihren 2. Turm verloren, daneben die Häuser ein Schutthaufen. Ein Rauch- und Flammenmeer ist die innere Stadt. Die Post in der Büchsenstraße und daneben eine Bäckerei ist ganz weg. 22 Personen verschüttet. Nach 7 Stunden als schon alle ohnmächtig waren, wurden sie ausgegraben, da haben sie erst an der falschen Stelle gegraben. (...) Die in der Post waren schon alle tot, und so ein guter Keller, 37 Stufen gings hinunter. Sie waren alle tot.«

Chronik der Luftangriffe auf Stuttgart
25. August 1940: Der erste Luftangriff auf Stuttgart mit 20 britischen Bombern trifft Gaisburg und Untertürkheim und fordert vier Tote.
11. März 1943: Bei einem Angriff von 279 Bombern sterben in Vaihingen, Kaltental und dem südlichen Stuttgart 112 Menschen. Viele Bomben gehen aber über freiem Gelände nieder. So wird etwa das Bärenschlößle zerstört.
15. April 1943: Die Briten haben das Zentrum sowie die Bosch- und Daimlerwerke im Visier. Dennoch gehen viele Bomben in Bad Cannstatt, Münster und Mühlhausen in teils dicht besiedeltem Gebiet nieder. 619 Menschen sterben.
8. Oktober 1943: Die Briten täuschen einen Angriff gegen München vor. 342 Bomber nehmen dann die Gegend rund um Hegelplatz, Liederhalle und Tübinger Straße ins Visier. 101 Menschen sterben, 300 werden verletzt.
25. Juli 1944: Dieser Luftschlag ist der Auftakt zu einer viertägigen Angriffsserie der Briten. Schwerpunkt der 614 Bomber ist in der Nacht auf den 25. Juli das Stadtzentrum mit der Girokasse, Dresdner Bank und Friedrichsbau.
26. Juli 1944: Wieder trifft es die Innenstadt schwer, diesmal vor allem die Friedrich-, Kanzlei-, und Kronprinzstraße, die von 550 Bombern getroffen werden. Zwei Tage später wird die Gegend um den Nordbahnhof bombardiert.
29. Juli 1944: Kein Verschnaufen für die Stuttgarter: Schon am Folgetag bombardieren die Briten die Innenstadt sowie Feuerbach, Botnang und Ostheim. Die Bilanz der viertägigen Angriffsserie im Juli: 884 Tote und 1916 Verwundete.
12. September 1944: Der opferreichste Angriff auf Stuttgart während des Zweiten Weltkriegs konzentriert sich auf die Innenstadt und den Stuttgarter Westen. 957 Menschen sterben, 1600 werden verwundet.
19./20. Oktober 1944: Die Briten nutzen die Taktik des Doppelangriffs, bei der auf einen Angriff am frühen Abend nachts ein zweiter, stärkerer Angriff folgt. 338 Menschen sterben in Bad Cannstatt, Feuerbach und Gaisburg.
28. Januar 1945: Bei einem weiteren Doppelangriff der Briten sterben in Feuerbach, Weilimdorf und Botnang 119 Menschen. Es ist der verlustreichste Angriff 1945. Der letzte Luftangriff erfolgt allerdings erst am 19. April 1945.

Der zweite schwere Angriff mit 550 britischen Bombern folgt schon in der darauffolgenden Nacht: Ziel ist wieder die Innenstadt, insbesondere die Friedrich-, Kanzlei-, und Kronprinzstraße. Am 29. Juli bombardieren die Briten mit fast 500 Flugzeugen Feuerbach und Botnang. Insgesamt vier Angriffe müssen die Stuttgarter in diesen Julitagen über sich ergehen lassen.

Das Ergebnis der bislang größten Angriffsserie auf die Stadt ist erschütternd. In einem streng vertraulichen Bericht schildert der damalige NS-Oberbürgermeister Karl Strölin die Lage nach der Angriffsserie: »Ein hartes, schweres Schicksal hat unsere schöne Stadt Stuttgart betroffen. Unsagbares Leid, unendliches Unglück ist über viele Tausende Stuttgarter Familien hereingebrochen. (...) Wenn wir das Bild dieser Zerstörung der Innenstadt zusammenfassen, so müssen wir mit tiefstem Schmerz feststellen: Das alte, uns so ans Herz gewachsene und vertraute Stuttgart ist vernichtet.«

Der Originalbrief Anna Wagners an Ihre Familie.

Foto: Wilfried Harthan

Der Bäckersfrau Anna Wagner aus dem Stuttgarter Westen schwant bereits, dass dieser Großangriff nicht der letzte sein würde. »Trotzdem denkt keins von uns daran, Stuttgart, d.h., die Trümmerstadt zu verlassen, solange wir ein Dach über dem Kopf haben. [Mein Mann] will und darf nicht fort, und ich halte bei ihm aus, bis ich obdachlos bin.«

Als Bäckermeister war Wilhelm Wagner vermutlich verpflichtet, die Bevölkerung weiter mit Brot zu versorgen. Welche große Verantwortung damals auf der kleinen Bäckerei Wagner in der Nähe der Russischen Kirche ruht, geht ebenfalls aus Anna Wagners Brief hervor: »Von uns bis Bahnhof ist keine Bäckerei, bis auf Doggenburg auch keine. Wir haben nur 2 Tage nicht gebacken und jetzt dieser Sturm auf Brot.«

Die Bäckerei Wagner im Stuttgarter Westen.

Foto: Wilfried Harthan

Dass sie mit ihrer Entscheidung, in Stuttgart zu bleiben, ihr Schicksal besiegelt, scheint Anna Wagner vorauszuspüren. An ihre Verwandten schreibt sie am 10. August 1944 folgende Zeilen: »Noch einmal so einen Angriff überleben wir nicht, man hat nur einen Wunsch: Nicht verschüttet, sondern gleich tot und kein Krüppel. Weint nicht an unserem Grabe, gönnt uns die ewige Ruh, denkt, was wir gelitten haben, eh wir schlossen die Augen zu.«

4 - Der September-Angriff

»Jetzt haben wir den Jüngsten Tag erlebt«

Nur kurz können die Stuttgarter sich vom Schreck der Juli-Angriffe erholen. Am 12. September 1944 nehmen britische Bomber die Stadt erneut ins Visier. Es soll der schlimmste Angriff auf die Stadt überhaupt werden.

Eineinhalb Monate lang sehen die Briten von weiteren großen Angriffen auf Stuttgart ab. Aber die Hoffnung, die Stadt habe bereits das Schlimmste überstanden, bewahrheitet sich nicht.

Am 12. September startet gegen 23 Uhr der nächste britische Großangriff. Nur 217 Bomber fliegen in dieser Nacht gegen Stuttgart, doch die Zerstörungskraft der einzelnen Flieger ist stark gestiegen. Zeitzeugen erinnern sich, dass die Stadt durch einen Massenabwurf von Bodenmarkierungsmitteln, im Volksmund »Christbäume« genannt, taghell erleuchtet wird.

Wieder flüchtet sich Anna Wagner in den Keller der Bäckerei in der Traubenstraße. Bei ihr sind ihr Mann Wilhelm Wagner sowie ihre Tochter Emi mit ihrem Mann Hermann und ihrer fünf Monate alten Tochter. Auch der Sohn der Bäckersleute, Wilhelm, genannt Willes, ist im Keller. Er ist 22 Jahre alt, kriegsverletzt und auf Genesungsurlaub in Stuttgart.

Die Mitglieder der Familie Wagner, die sich am 12. September 1944 in den Keller der Bäckerei flüchten. V.l.: Anna Wagner, ihr Mann und ihre Kinder Emi und Willes mit Emis Tochter Helgard, Emis Ehemann Hermann.

Fotos: Wilfried Harthan, Diethelm Harthan

Während die Bomben auf die Stadt niedergehen, wird der junge Willes plötzlich unruhig. Er befürchtet, dass der Keller keinen Schutz gegen das durch Brandbomben entfachte Feuer bieten kann. Er drängt seine Familie, zusammen mit ihm den Keller zu verlassen. Ein älterer, vermeintlich erfahrenerer Luftschutzwart widerspricht ihm. Auch seine Eltern wollen im Keller bleiben. In einem einsamen Beschluss ergreift Willes schließlich den Korb mit seiner fünf Monate alten Nichte und verlässt den Keller.

Der junge Willes Wagner.

Foto: Wilfried Harthan

Willes Wagner rennt den Tiergartenweg in Richtung Hölderlinstraße. In einem dunklen Hausflur legt er den Korb mit seiner Nichte ab und eilt zurück zur Traubenstraße, um die übrigen Familienmitglieder zu holen. Unterwegs kommt ihm seine Schwester Emi schreiend entgegengerannt, will wissen, wo ihr Kind ist. In der Dunkelheit der Straßen brauchen die Geschwister eine Weile, bis sie den Hauseingang mit dem Korb wiederfinden. Willes versucht erneut, in Richtung Traubenstraße vorzudringen, kommt aber nicht weit - in der Nähe der Bäckerei brennt alles lichterloh. »Ich bin nicht mehr durchgekommen, ich bin einfach nicht mehr durchgekommen«, wiederholt er noch viele Jahre später.

»Wir mussten über die Toten steigen, dass wir aus dem Feuermeer heraus kamen. Als ich in die Falkertstraße einbog, musste ich unwillkürlich denken: jetzt haben wir den jüngsten Tag erlebt«, schilderte eine Zeitzeugin, die in der Nähe der Bäckerei wohnte.

Die Bäckerei Wagner vor und nach der Zerstörung.

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Den Rest der Nacht verbringt Willes Wagner auf dem Hoppenlau-Friedhof. Am nächsten Tag gelingt es ihm schließlich, zur Traubenstraße vorzudringen. Viele Häuser sind auf die Straße gestürzt, nur einzelne sind stehengeblieben. Es brennt noch und er erinnert sich an die große Hitze und einen starken Geruch, der über der Straße liegt. Als er sich bis zur Traubenstraße 1 vorgekämpft hat, sieht er, dass es die Bäckerei Wagner nicht mehr gibt. Das Gebäude ist völlig zerstört und ausgebrannt. Seine Eltern und seinen Schwager findet er schließlich auf einem nahegelegenen freien Platz. Helfer haben die drei Leichname aus dem Keller der Bäckerei geborgen und dort abgelegt. Sie sehen friedlich aus, wie Schlafende, erinnert er sich.

*   *   *

Bei diesem Angriff im September kommen mehr Stuttgarter ums Leben als bei den vier großen Angriffen im Juli zusammen: 957 Menschen sterben, 1600 werden verwundet. Im dicht besiedelten Stadtgebiet wurde ein Feuersturm entfacht, der sich über eine Fläche von vier Quadratkilometern erstreckt. Am stärksten betroffen ist der Stuttgarter Westen, vor allem die Gegend Hegel-, Hölderlin-, Schwab- und Rosenbergstraße, wo fast kein Haus unversehrt blieb.

Der Chronist Hermann Werner erinnert sich: »So weit man sieht, ist alles Ruine, und der Blick in die Hegel-, Trauben-, Lerchen- und Falkertstraße ist trostlos. Eine wahre Flut von Sprengbomben muss es hier heruntergeregnet haben, und in die zerrissenen Häuser kamen dann die Brandbomben. Man versteht nicht, dass hier überhaupt noch Menschen aus den Häusern herausgekommen sind. Die Russische Kirche ist eine Ruine. Unbeschreibliche Szenen sollen sich hier abgespielt haben. Die Menschen mussten durch die Flammen fliehen und eilten in ihren Tod. Es seien auch Fälle vorgekommen, dass sie sich das Leben nahmen oder einander in die Flammen stießen...«

Schlossplatz mit Blick zum Kunstgebäude und Neuen Schloss.

Foto: Haus der Geschichte Baden-Württemberg

Blick vom Tagblatt-Turm in den Westen, Juli 1946.

Foto: Haus der Geschichte Baden-Württemberg

Blick von der Innenstadt in Richtung Bahnhof.

Foto: Stadtarchiv Stuttgart

Neues Schloss vom Planieflügel aus, Juli 1946.

Foto: Haus der Geschichte Baden-Württemberg

Blick vom Königin-Olga-Bau auf die untere Königstraße, im Hintergrund Hahn & Kolb-Haus und Oberpostdirektion, 1944.

Foto: Haus der Geschichte Baden-Württemberg

Ostflügel des Neuen Schlosses, 1944.

Foto: Haus der Geschichte Baden-Württemberg

Blick auf die obere Königstraße von der Poststraße aus, 1944.

Foto: Haus der Geschichte Baden-Württemberg

Innenstadt (Südwesten) in Trümmern, Juli 1946.

Foto: Haus der Geschichte Baden-Württemberg

Marktplatz vom Rathauseck Eichstraße aus, 1944.

Foto: Haus der Geschichte Baden-Württemberg

Blick über die zerstörte Schulstraße Richtung Markplatz.

Foto: Stadtarchiv Stuttgart

Württembergisches Staatstheater, Kleines Haus, 1944.

Foto: Haus der Geschichte Baden-Württemberg

Kunstgebäude, 1944.

Foto: Haus der Geschichte Baden-Württemberg

Blick vom Rathausturm über die Eberhardstraße zur Leonhardskirche im August 1944.

Foto: Stadtarchiv Stuttgart

Die zerstörte Stiftskirche, 1944.

Foto: Stadtarchiv Stuttgart

Der zerstörte Marktplatz, 1944.

Foto: Stadtarchiv Stuttgart

Blick vom Tagblatt-Turm Richtung Wilhelmsbau und Gartenstraße.

Foto: Stadtarchiv Stuttgart

Der Stuttgarter Oberbürgermeister Karl Strölin vermerkt später in einem Bericht: »Viele Leute (...) sind im Feuersturmgebiet in den Kellern geblieben, weil sie sich hier immer noch am ehesten sicher glaubten oder weil ihnen der Weg durch die brennenden Straßen überhaupt versperrt war. Dabei ist leider in mehreren Luftschutzräumen eine größere Anzahl von Menschen ums Leben gekommen, und zwar offensichtlich durch die Vergiftung mit Kohlenoxydgas, das sich in den Straßen nach dem Angriff beim Ausbrennen benachbarter Erd- und Untergeschossräume entwickelt hat.«

Es gibt Anzeichen dafür, dass Anna Wagner, ihr Mann und ihr Schwiegersohn an einer solchen Gasvergiftung starben. Dafür spricht die rosige Gesichtsfarbe der Toten, über die sich Willes Wagner bei ihrem Anblick noch wunderte. Das Gas führt typischerweise zu einem schnellen Bewusstseinsverlust. Zumindest Anna Wagners Wunsch nach einem raschen und schmerzlosen Tod scheint sich so erfüllt zu haben.

5 - Nach den Angriffen

Die letzten Ruinen

Tausende Stuttgarter starben infolge der Luftangriffe. Dennoch finden sich heute kaum noch Hinweise auf dieses schwerste Kapitel der Stadtgeschichte. Auch die letzten Spuren der Bäckerei Wagner könnten bald verschwinden.

4477 Menschen starben bei den Luftangriffen auf Stuttgart während des Zweiten Weltkriegs. Fast 9000 Stuttgarter wurden verwundet. Was Oberbürgermeister Karl Strölin nach den fatalen Juli-Angriffen festgestellt hatte, galt erst recht bei Kriegsende 1945: Das alte Stuttgart, wie es die Menschen bis dahin gekannt hatten, hatte aufgehört zu existieren. Laut dem Historiker Heinz Bardua waren fast 58 Prozent der Gebäude in Stuttgart zerstört und beschädigt. Von den 26 Kirchen des Stadtdekanats bleibt nur eine unzerstört.

Ein Stadtplan Stuttgarts aus dem Jahr 1945, der die Zerstörung der Luftangriffe im Detail zeigt. Rot eingezeichnet sind total- oder schwerbeschädigte Gebäude, die nicht mehr aufgebaut wurden.

Foto: Stadtmessungsamt Stuttgart

Fest steht aber auch: Es hätte die Stuttgarter noch schlimmer treffen können. Bei der großen Angriffsserie auf Hamburg waren innerhalb weniger Tage über 30 000 Menschen ums Leben gekommen. Tausende Stuttgarter überlebten die Luftangriffe im Juli und September 1944 wohl nur dank der zahlreichen Stollen in den Hügeln der Stadt. Zur Hochzeit der Luftangriffe quartierten sich etwa viele Stuttgarter fest im Wagenburgtunnel ein und verbrachten dort jede Nacht.

Nur noch wenige Gebäude aus dieser Zeit durchbrechen heute die neuen Straßenzüge der Stadt. Durch den Wagenburgtunnel braust Tag und Nacht der Verkehr. Und kaum ein Stuttgarter erinnert sich noch daran, dass ganz in der Nähe der Russischen Kirche, an der Ecke Traubenstraße/Hegelstraße, einmal eine Bäckerei stand.

Die Bäckerei Wagner

An zirka dieser Stelle befand sich bis zum 12. September 1944 die Bäckerei Wagner in der Traubenstraße 1 im Stuttgarter Westen.

Heute beginnt die Traubenstraße mit der Hausnummer 6. Die Straßenführung wurde geändert und ringsum neue Gebäude errichtet. Wer weiß, wo er suchen muss, findet die Nummer 1 aber noch immer. Sie ist in all den Jahren nicht verschwunden. Versteckt hinter großen Plakatwänden auf denen für Limonade und eine amerikanische Komödie geworben wird, klafft eine große Lücke in der Häuserfront der Hegelstraße. Abgeschirmt von der Geschäftigkeit der Straße ist dort in den vergangenen 70 Jahren ein kleines Wäldchen gewachsen. Unter ausgewachsenen Bäumen und wildwuchernden stacheligen Stauden liegen noch immer die Ruinen der Bäckerei Wagner mit dem Keller, in dem Anna Wagner, ihr Mann und ihr Schwiegersohn am 12. September 1944 starben.

Eine Plakatwand schirmt das Grundstück der Bäckerei Wagner vom Lärm der Hegelstraße ab.

Foto: Violetta Hagen

Anna Wagners Enkelsohn Wilfried Harthan ist heute 63 Jahre alt. Er erinnert sich noch gut daran, wie er als Kind mit seiner Mutter die Ruinen der Bäckerei besuchte. Während er über den Schutt kletterte, entdeckte er überall verstreut kleine, zirka fünf mal fünf Zentimeter große blaue Kacheln. Als er sie seiner Mutter zeigte, war er überrascht, als diese in Tränen ausbrach. Die Kacheln stammten aus der Backstube der Bäckerei Wagner. Eine davon liegt bis heute auf Harthans Schreibtisch.

Die Geschichte seiner Großeltern will Wilfried Harthan nicht falschverstanden wissen. Für seinen Onkel Willes sei klar gewesen, dass der Krieg von Deutschland ausgegangen ist, sagt er. Das Unglück, das seine Großeltern ereilte, war kein Zufall, kein einseitiger Akt der Grausamkeit. Ihr Schicksal hatte eine Vorgeschichte, eine deutsche Vorgeschichte, die sich im Ausspruch seines Großvaters Wilhelm Wagner wiederspiegelt. »Wemmer des net amol biasa misset.«

Wilfried Harthan, der Enkel Anna Wagners, mit einer Kachel aus der Bäckerei.

Foto: privat

Dass das Grundstück der Bäckerei Wagner, inmitten eines attraktiven und belebten Stadtteils gelegen, 70 Jahre lang unangetastet blieb, überrascht. »Ganz merkwürdig«, heißt es selbst aus der zuständigen Landesbehörde. Mittelfristig soll sich das aber ändern. Für das Grundstück wurde ein Bebauungsplan erstellt - ein Gebäude der Dualen Hochschule Baden-Württemberg könnte dort entstehen.

Wenn es soweit ist, wäre Wilfried Harthan gerne beim Aushub dabei. Wenn die Bagger das Kellergewölbe freilegen, in dem seine Großeltern vor siebzig Jahren ums Leben kamen. Wenn die Stadt ganz unbemerkt die letzten Spuren der Bäckerei Wagner schluckt.